Ueber das Verbum anχ "schwören".

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H. Brugsch

[Extracted from Zeitschrift fur Agyptische Sprache, Bd 6, Juli 1868, pp. 73-8.]


In meinem in der Publikation begriffenen Lexikon habe ich auf S. 199 als ein besonderes Verbum die Gruppen [glyphs] anχ aufgeführt und als die Bedeutung desselben "schwören", und substantivisch "Schwur, Eid" angegeben, unter Hinweisung auf das Koptische jpj¥, jph¥ jusjurandum, woher Rjpj¥ jurare. Diese neue, seither nicht gekannte Bedeutung des Wortes ÷ anχ hat von einer gewissen Seite her Anfechtungen erfahren, die mich im Interesse unserer Wissenschaft veranlassen, die Beweise für die gegebene Erklärung ausführlicher zu geben, als es mir der beschränkte Raum im Lexikon gestattete.

Der Hauptbeweis, den ich den Lesern zu liefern im Stande bin, ist enthalten in einer Stelle der Pianchi-Stele, die ich zunächst in ihrem ganzen Zusammenhange besprechen muss. Nachdem in dem grossen Texte des genannten, für die altägyptische Philologie hochwichtigen Denkmales erzählt worden ist, wie der äthiopische König Pianchi die unterägyptischen Rebellen-Fürsten seiner Botmässigkeit wieder unterworsen habe, indem sich die einzelnen durch Gehorsam und Darreichung von Geschenken zu überbieten gesucht, wird auf der rechten Seite des Stein-Denkmales in längerer Ausführung die schliefsliche Unterwerfung des Haupt-Rädelsführers des Aufstandes Tafnechtet geschildert. Von der zehnten Zeile an wird berichtet, wie der erwähnte Fürst eine Botschaft zum Pianchi geschickt habe, um seine volle Unterwerfung zu erklären. Die Worte des unglücklichen Tafneχtet, welche seinem Boten in den Mund gelegt worden, schildern in drastischer Weise die jammervolle Lage und die aufrichtige Reue des gefallenen Rebellen. In der 22. Zeile erklärt er zuletzt, in directer Rede, seinen Wunsch, sich dem König Pianchi durch einen Eid zur Treue zu verpflichten. Die Worte sind:

[glyphs]
per-t-ä er neter ha em her-f s-ab-a em ankh neter
ich trete ein in das Gottes-Haus vor sein Angesicht ich sei gereinigt durch einen Schwur bei Gott.

In der 23. Zeile fl. wird kurz die Absendung zweier reich beschenkten Boten, Namens [p.74] Petamennesto und Purma erwähnt und nunmehr die Eidesleistung in folgender Weise dargestellt.

[glyphs]
fer-nef er neter-ha tüa-nef neter sab-nef su em neter anχ em tot nen teh-a suten utu nen uan-a fot-tu hon-f nen ar-a fu
einen heiligen Schwur sagend nicht werde ich übertreten des Königs Gebot nicht werde ich aufser Acht lassen die Worte Sr. Majestät nicht werde ich thun Schändliches

[glyphs]
er ha em χem-k art-a em tot-tu en suten nen teh-a utu-nef han hon-f her her-s
einem hohen Beamten mit deinem Nichtwissen ich werde handeln nach den Worten des des Königs nicht werde ich übertreten (was) er geboten hat. Da war ker-s Seine Majestät zufrieden damit.

Man kann wohl behaupten, dafs mit Ausnahme des ÷ kein Wort in diesem Texte besondere Schwierigkeiten darbietet. Was aber unser anχ betrifft, so zeigt die Construction mit [glyphs], dass wir es hier zunächst mit einer ursprünglichen Verbal-Wurzel zu thun haben, deren Bedeutung in die Klasse der verba sentiendi et declarandi gehört. Denn wie die letzteren im Koptischen regelmäfsig mit je construirt werden, so tritt in der älteren Sprache die Construction mit Hülfe von [glyphs] ein, eigentlich "im Sagen, sagend". Solcher Verba sind im Altägyptischen nicht wenige, und ich will im Folgenden auf einige der häufigsten aufmerksam machen.

[glyphs] as ..... em tot "ausrufen" [pap. d'Orb. 6 ult. 1.-10, 7].
[glyphs] han em tot .... "eine Botschaft sagen" [pap, d'Orb. 2, 8—Stele Pianchi, face, 1. 6].
[glyphs] nem em tot ..... "auslegen" [Traum-Stele, Bulaq 1. 6].
[glyphs] useb ... em tot .... "antworten" [ib. verso].
[glyphs] seχaui ... em tot ... "gedenken" [Sarc. Onnophris, Bulaq].
[glyphs] χrauti ....em tot .... "sich worüber zanken" [pap. d'Orb. 10, 9].
[glyphs] sma em tot .... "anzeigen" [Traum-Stele, Bulaq, verso 8].
[glyphs] tet χru ... em tot ..... "reden" [Sallier 3, 5] und viele andere.

[p.75]

Ja selbst das Verbum [glyphs] wird so construirt, wie in dem folgenden Beispiele: [glyphs] tot an hon-f em tot, es sprach Seine Majestät (sagend) [cf. Traum -Stele Bulaq], dem im Koptischen das durchaus analoge, so häufige pe- jjf....je gegenübersteht.

Im Altägyptischen gehörten die Verba jurandi zu derselben Klasse. Ich mache nur auf ein sehr bekanntes Beispiel aufmerksanf, auf [glyphs] arku ... em tot, kopt. wrk, jurare, das sich z. B. an zwei Stellen des Papyrus d'Orbiney vorfindet. Auf Seite 7 lin. 7 heifst es

[glyphs]
un-an-f her arku en pa ra - em tot
er schwur bei der Sonne - sagend.

Das andere Beispiel (16, 3) lautet

[glyphs]
amem-arku na en neter em tot
schwöre mir bei Gott sagend,

worauf, wie gewöhnlich, in directer Rede die Worte des Eides folgen. Ganz ebenso ist die Construction des besprochenen anχ, nämlich [glyphs] anχ ... em tot, in obigem Beispiele.

Das Schwören "bei" Gott wird im Pap. d'Orbiney in den angeführten Stellen durch die Präposition [glyph] en ausgedrückt. Ganz ebenso wird im Demotischen das Verbum anχ construirt. Ich verweise auf das Beispiel im Lexikon S. 199, lin. 3 infra. Im Altägyptischen habe ich in den mir bekannten Fällen die Construction mit dem Accusatif durchweg vorwiegend gefunden, und zwar zunächst in einer Formel, die ich geneigt sein möchte anders als es bisher geschehen, zu übertragen. Der Unterschied liegt darin, dafs ich ÷ nicht durch "Leben", sondern durch "schwören" übersetze. Die beregte Formel findet sich als ein eingeschobener Satz zum Ausdruck der Betheuerung in vielen Beispielen. Ich werde einige davon anführen. Auf der linken Seite der Pianchi-Stele Lin. 31 sagt der König: [glyphs] anχ-a mer-a Ra "ich schwöre bei meiner Liebe zum Sonnengott"-oder vielmehr "bei der Liebe, welche der Sonnengott zu mir hat". Aehnlich ibid. Vorderseite Lin. 24 [glyphs] anχ-a mer-a ra hesu-a tef-a amon "ich schwöre bei der Liebe der Sonne" zu mir und ich rufe als Zeugen für mich an meinen "Vater Amon",

In Bezug auf die besondere Bedeutung des Verbums hes oder hos "als Zeugen anrufen", das hier und in anderen Fällen mit dem Zeitwort anχ in auffallendem Parallelismus steht, berufe ich mich auf ein höchst belehrendes Beispiel aus El-Kab, das sich in dem von mir im Recueil vol. II Taf. 72 Nr. 3 publicirtem Texte vorfindet. Lin. 5 der Publication heifst es:

[glyphs]
seta tot-a er äri ab pu hes-a Montu tot-a em1 ma-t
es ist scherzhaft meine Aussage für den welcher etwa dagegen ist ich rufe als Zeugen an Gott Mont meine Aussage (ist) in Wahrheit

[p.76] d. h. "wenn Jemand etwa meine Aussage als eine scherzhafte ansehen und widersprechen "sollte, so rufe ich Gott Mont zum Zeugen an, dass meine Aussage auf Wahrheit beruht".

Um auf unsere Formel zurückzukommen, so sind in der Mehrzahl von Texten die beiden Ausdrücke mer oder meri "lieben" und hes, hesi von einem Pronominal-Accusativ begleitet, der nicht nur durch blofse Anfügung des Pronominalzeichens der ersten Person Singularis [glyph] = a, sondern auch noch durch den charakteristischen [glyph] u-Laut für den Accusativ-Begriff ausgedrückt. Ich verweise auf folgendes Beispiel im Rec. I Taf. 54, 2 lin. 1:

[glyphs]
anχ-na meri-ua ra hesi-(u)a tef-a tem
ich hatte geschworen bei der Liebe zu mir des Ra und es bezeugt mir es mein Vater Tum

womit man vergleichen wolle Rec. I, 44, 25. Das letztere Beispiel ist desshalb von einer besonderen Wichtigkeit, als in der Col. 24 des Textes, ähnlich wie in dem aus El-Kab citirten Texte. der König als Sprecher sich an diejenigen wendet, welche die Aussagen der Inschrift bezweifeln möchten ([glyphs] aba er) und ihnen nun, mit der obigen Formel einleitend, die Versicherung an Eides Statt giebt, dafs alles wirklich so geschehen sei2 wie der monumentale Text es berichtet.

Wie meine gelehrten Kollegen auch immer über die Auffassung dieser Formel urtheilen mogen, so steht so viel fest dass das Zeitwort [glyphs] anχ, mit besonderer Rücksicht auf seine Verbindung mit eben nichts anderes als "schwören" bedeuten kann. Wollte man z. B. in der Pianchi-Stele den Sinn von "leben" einsetzen, so würde schwerlich eine zutreffende Uebersetzung zum Vorschein kommen. Aber auch die Verbindung von [glyphs] s-ab, wörtlich "reinigen, läutern" mit ÷ anχ weist auf die Bedeutung schwören in fordernder Weise hin. Die Vorstellung des sich Reinigens durch den Eid ist der Mehrzahl ausgebildeter Sprachen eigen und beruht auf der sacramentalen Natur des Eides. Die ganze Formel erscheint an einer andern Stelle der Pianchi-Stele (verso lin. 34) in folgender Verbindung:

[glyphs]
s-ab-nef em anχ  neter χeft nen stiten-u a-u nu to emhet
er reinigte sich durch einen Schwur bei Gott in Gegenwart dieser Könige grofsen vom Lande Unterägypten

[p.77]

Ein anderes nicht minder lehrreichf»s Beispiel für die neue Bedeutung "schwören" der Wurzel anχ findet sich in einer historischen Inschrift aus der zwölften Dynastie, welche Lepsius in den Denkmälern (Abth. II, Blatt 136 sub h) veröffentlicht und dadurch der Wissenschaft zugänglich gemacht hat. Es erzählt Jemand darin von seinen Heldenthaten in den Ländern der Neger und beschreibt unter andern eine Razzia in folgender Weise:

[glyphs]
au-via-n-set hon nen em ämes hak-na him-tu-sen nen-na χer-u-sen per er χnum-tu-sen hu
es sah dies der König nicht wie eine Erfindung ich habe geraubt ihre Weiber  ich habe weggeführt ihre Bewohner herausgehend nach ihren Brunnen schlagend

[glyphs]
ka-u-sen uha (pir)-sen er-tet set am anχ-na atef-a tot-a eni ma-t nen jen am en aba pir em ro-a
ihre Stiere vernichtend ihre Feldfrucht gebend Feuer daran ich schwöre es bei meinem Vater ich rede in Wahrheit nicht ein Anlafs darin zum bestreiten den Ausspruch aus meinem Munde.

d. h. "der König hat dies (alles) gesehen und es ist keine blofse Erfindung. Ich habe geraubt ihre Weiber, ich habe weggeführt ihre Bewohner, indem ich zu ihren Brunnen ging, ihre Stiere schlug und ihre Feldfruchl durch Feuer vernichtete. Ich schwöre bei meinem Vater dafs ich die Wahrheit rede. Kein Anlass liegt vor die Aussage meines Mundes zu bestreiten".

Wir haben hier ein neues Beispiel der vorher besprochenen Formeln zur Betheuerung von Thatsachen. Das lexikalisch Ungewöhnliche wird der Leser in meinem Wörterbuche erklärt finden (cf. voce, ames, uha, χen, aba). Der Sprecher weist den Vorwurf jeder Erfindung oder Erdichtung durch den Schwur bei seinem Vater zurück. Aehnliche Formeln sind in Bezug auf ames und aba in vielen Beispielen enthalten wie in folgendem.

Auf einer sehr interessanten Stele des Museums in Bulaq erzählt der König Thothmosis III in altägyptischer Breite seine Verdienste um das Osiris-Heiligthum in Abydos. Sich an die Priester wendend sagt er

[glyphs]
nen em aumes χeft-hir-ten nen aba am
nicht wie eine Erfindung vor euch nicht ein Widerspruch dagegen.

Der König will sagen, das was ich mitgetheilt habe, ist vor euren Augen keine leere Erdichtung und es wird dagegen kein Widerspruch erhoben werden. Andere Beispiele wird der Leser bei einiger Aufmerksamkeit häufig Gelegenheit haben anzutreffen, wobei ich besonders auf die stets wiederkehrende Construction äbä am aufmerksam machen will. Um auf das oben stehende Beispiel aus den Denkmälern zurückzukehren, so ist [p.78] ersichtlich dass die Worte anχ-na atef-a (oder wohl richtiger [glyphs] anχ-a zu lesen, ähnlich wie [glyphs] χen an Stelle von [glyphs]) eine Betheuerungsformel enthalten, über deren Inhalt nicht der geringste Zweifel erhoben worden kann, auch wenn uns das Koptische jpj¥ jph¥ jusjurandum nicht zur Seite stände. Den Beweis vollendet der Parallelismus von unserem

[glyphs] mit dem oben besprochenen
[glyphs] (Recueil 1, 73, 3. 5).

In dem einen Beispiel schwört der eine bei seinem Vater, in dem andern ruft der Betreffende den Gott Month zum Zeugen seiner Aussage an.


FOOTNOTES

1 Durch einen Irrthum ist in der Kopie im Recueil dieses [glyph] em ausgefallen, findet sich aber in meinen Abschriften aus Aegypteii. Die Richtigkeit des besprochenen Falles wird aber dadurch in keiner Weise berührt. Vergl. unten Seite 78, Zeile 7.

2 Daher auch, als weiterer Beweis für die allgemeine Formel dieser Bekräftigung im Texte von El-Kab, das nachfolgende [glyphs] au-ur-na nen "ich habe es gethan" (nämlich wirklich) unmittelbar hinter der Betheuerung, wie [glyphs] au-ar-na ... mit derselben Bedeutung in dem angeführten Texte Rec. 1, 44 I. 25 gleichfalls unmittelbar nach der Eidesformel. Die Gedankenverbindung ist: "ich schwöre es beim u s. w. dass ich dies gethan habe".